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B. Batke, singender Kontrabassist der Alt-Country-Dissidenten SMOKESTACK LIGHTNIN’ ahnt das, macht aber kein großes Aufhebens drum. Ihm genügt der Umstand, dass seine Singles made in Germany von Kaugummi kauenden Truckern auf der Route 66 rauf und runter gedudelt werden.
Fragt man den hageren, etwas wortkargen Kraut, wie alles anfing, lautet die lakonische Antwort: „Der Mangel an Bassisten im Nürnberg der 80er muss so verheerend gewesen sein, dass ich einen Job bekam. Vielleicht verdank ich das auch dem Umstand, dass ich damals einen Proberaum besaß.“
Dass die Band, die er nach einigen Abstechern in Rock’n' Roll und Punk-Gefilde schließlich irgendwann in den Neunzigern gemeinsam mit Drummer M. Kargel unter dem Namen SMOKESTACK LIGHTNIN’ formatierte, mittlerweile zur internationalen Szenegröße des „Modern Country“ avanciert ist, bedeckt er gerne mit einem Übermaß an Understatement. Herauszufinden, dass SMOKESTACK LIGHTNIN’ in der heutigen Besetzung Batke / Kargel / Graef / Hess nicht nur sämtliche Metropolen des alten Europa, von Moskau bis Lissabon, von Oslo bis Rom mit ihrem radikalen Verständnis zeitgenössischer Country-Musik überzog, sondern gerade auch im vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten reüssierte (welche deutsche Band tut das schon!), bleibt weitestgehend der eigenen Recherche überlassen.
Rene van Barneveld, genialer Gitarrist der Amsterdamer-Crossover-Legende Urban Dance Squad, ließ sich nicht davon abhalten, für das in Belgien aufgenommene SMOKESTACK LIGHTNIN’ -Langspiel-Debut „Soulbeat“ in die Saiten zu greifen. Gemeinsame Auftritte mit Lambchop, Calexico, The Specials, Boz Boorer (Morrissey), Bill Haley's Comets, 16 Horsepower, Neil Casal (Ryan Adams), The BossHoss, Bananafishbones, Eddie Floyd, Turbostaat, Koko Taylor, (...) markieren den internationalen Stellenwert der Nürnberger. Bis nach Hollywood, wo man das von Steve Anderson direktierte Kult-Road Movie „The Big Empty“ musikalisch verzierte, reicht der Ruf der fränkischen Square-Denker.
Und auch in Deutschland sparte die Fachpresse nicht mit Lob. Der ausgewiesene Roots-Musik-Experte Franz Dobler bedachte die Band in gleich zweien seiner Bücher, in „Auf des toten Mannes Kiste“ (Nautilus Verlag Hamburg, 1999), sowie in der Johnny Cash Biographie „The Beast In Me“ (Kunstmann 2002). Ausgerechnet das 2006 bei EMI erschienene und von Honda für die CRV-TV-Werbung gepitchte SMOKESTACK LIGHTNIN’-Cover des Achtziger-Serienhits „The Unknown Stuntman“ bescherte der Band letztlich den kommerziellen Durchbruch. Die Single hielt sich stolze 4 Wochen in den deutschen Charts. Für den Ende April bei Hazelwood Vinyl Plastics erscheinenden brandneuen Longplayer „Heads Of Agreement" gewann die Band das Frankfurter Produzententeam Two Horses & Kaneoka One, das schon für die Werkstücke unvermeidbarer Acts wie Mardi Gras.bb, The Audience, Saccharine Trust, King Khan, The Broken Beats, Hoo Doo Girl oder The Miserable Rich (um nur einige wenige zu nennen) verantwortlich zeichnete.
Smokestack Lightnin’ – Heads Of Agreement (Hazelwood / Indigo) Don’t you go to sleep, dear?! ...intonieren Batke / Graef und steigen ein in den musikalischen Loveletter, der mit Drei-Chord-Romantik und verdrogter Avantgarde, mit B52-Surf-Skills und Retortenfolk das Undurchsichtige im Menschen propagiert. Dabei ist die rhetorische Frage durchaus auffordernd gemeint, zielt auf die halluzinogene Wirkung des müden Gevatters. Mit einer Überdosis davon wird alles zwischen „Peter und der Wolf“ und kalifornischen Träumereien, zwischen Submarine-Blubbern und Fuck-You-Mentalität in den Country gepackt, so, als würde es schon immer dazu gehören. Und unter allem bewegt die Ringo-Mania von Schlagwerker M. Kargel die Massen, schneidet D.Hess’ Twang-Gitarre das rohe Stück Musik in mundgerechte Scheiben. Hier hat ganz offensichtlich jemand eine Scheißfreude am Spiel mit den Klischees. Heißt das noch Country? Why don’t you go to sleep?! Wunderbar!
Die Erfindung des Twang-Sounds
Die Erfindung des Twang-Sounds, dieses wunderbaren, leicht verzerrten Gitarrenhalls, der aus dem Rock’n’Roll eigentlich nicht mehr wegzudenken ist, verdankt sich einem glücklichen Zufall. Anno 1957, also vor exakt 50 Jahren, schickte der Produzent Lee Hazlewood den jungen ambitionierten Gitarristen Duane Eddy zu Aufnahmen in einen Getreidespeicher, um dort den gewünschten Sound zu erzeugen. Heute muss man in kein Silo mehr kriechen, um auf der Sechssaitigen einen satten Twang zu erzeugen, und von den Beatles über CCR bis Bruce Springsteen und Chris Isaak hat sich der twangy guitar sound in der Geschichte des Rock’n’Roll etabliert. Derzeit cruisen auch Smokestack Lightnin’ mit ihrer herrlich twang-betonten Version von „Unknown Stuntman“ durch die Weltgeschichte respektive der Welt der Werbung, befeuert der legendäre Titelsong aus der gleichnamigen Kultserie, die in Deutschland unter dem Titel „Ein Colt für alle Fälle“ Furore machte, derzeit einen Spot für Honda, in dem sogar der Hauptdarsteller Lee Majors höchstpersönlich mitspielt. Für Smokestack Lightnin’ könnte dies der längst überfällige Sprung vom jahrelang hoch gehandelten Geheimtipp zur festen Größe im internationalen Rock’n’Roll-Zirkus bedeuten.
Die Liebe zum Twang ist jedoch bei weitem nicht die einzige musikalische Domäne von Smokestack Lightnin’, die sich nach einem Song der Chicagoer Blueslegende Howlin’ Wolf benannt haben. Hervorgegangen aus der Rockabilly-Band The Brewsters, formierte sich die Band um Sänger und Bassist Bernie Batke und Gitarrist Frieder Graef (beide auch bei den Waikiki Beach Bombers aktiv) bereits 1995. Zur heutigen Besetzung zählen Gründungsmitglied Michael Kargel am Schlagzeug und seit vier Jahren Dirk Hess als zweiter Gitarrist. Dem ausgeprägten Faible für amerikanische Roots-Musik aller Couleur – von Country und Rhythm’n’Blues bis Southern Soul und Folk – ist das fränkische Quartett nicht nur in eigenen Kompositionen nachgekommen, sondern auch mit superben Coverversionen von den Beatles bis Tom Waits, von Johnny Cash bis Tony Joe White. Dabei gedeihen gerade ihre Adaptionen zu vorzüglichen Interpretationen, die sowohl durch exzellenten Lead- und Harmoniegesang getragen werden als auch von dem beeindruckenden Zusammenspiel der beiden Gitarristen und einer punktgenauen Rhythmussektion leben und gedeihen.
Das EMI-Debüt „Modern Twang“ fasst die musikalischen Highlights der beiden bisherigen Alben „Soulbeat“ (2000) und „Homecooking“ (2005) zusammen. Es ist schon atemberaubend, wie galant und frisch hier gestandene Klassiker wie „Don’t Think Twice“ von Bob Dylan, „Solitary Man“ von Neil Diamond, „Ring Of Fire“ von Johnny Cash oder „Run For Your Life“ von den Beatles geradezu neu ausgelotet werden. Kein Wunder, dass Smokestack Lightnin’ nicht nur bei der hiesigen Presse einen ausgezeichneten Ruf genießen und sie auch in Franz Doblers Buch „Auf des toten Mannes Kiste“ und in seiner Johnny-Cash-Biographie „The Beast In Me“ respektvoll genannt werden. Die Band ist nicht nur kreuz und quer durch Europa getourt und hat auf Festivals wie dem britischen Rockabilly Rave und dem Crossroad Festival in Spanien ihre musikalische Visitenkarte hinterlassen, sondern gastierte auch schon zweimal in den USA, unter anderem auf dem Viva Las Vegas Festival. Bei dieser Gelegenheit gelang es ihnen, auf dem Soundtrack zum Roadmovie „The Big Empty“ ihre brillante Version von Tom Waits’ „Walk Away“ zu lancieren, die ebenfalls auf dem Album „Modern Twang“ zu finden ist. Zum wachsenden Renommee haben zudem Konzerte und Tourneen mit Chris Isaak, Dave Edmunds, Calexico, Lambchop, Texas Lightnin’ und den legendären Specials beigetragen.
Eine ihrer wohl originellsten Coverversionen der jüngsten Zeit haben Smokestack Lightnin’ für die aktuelle Single „Unknown Stuntman“ aufgenommen: eine hinreißende Interpretation des Top-Hits „Shame“ des Popstars-Gewinner-Trios Monrose. Wie die Band aus einem Pophit für den Dancefloor einen locker-legeren Roadsong zaubert, das ist schon mehr als cool, das ist à la bonne heure! Ganz gleich, ob Smokestack Lightnin’ sich einen Biker-Song wie „Hell’s Angels“ vorknöpfen, Jose Felicianos „If I Really Bug You“ als Vorlage zu einem rassigen Cow-Punk nutzen, „Paradise City“ von Guns’n’Roses von Grund auf neu entwerfen oder mit den aus eigener Feder stammenden „Gimme More“ und „Take My Hand“ wie selbstver- ständlich glänzende Nuggets goldener Songschmiedekunst schürfen, stets spürt man, dass diese Band mit Leib und Seele ganz in ihrem Element ist. Ihre Songs haben ungemein viel Soul, das richtige Timing, den passenden Beat – Smokestack Lightnin’ haben es mit ihrem künstlerischen Wagemut verdient, genau ein halbes Jahrhundert nach der Erfindung des Twang-Sounds als bewundernswerte Protagonisten dieser Spielart des Rock’n’Roll von der großen Fangemeinde des guten Gitarren-Groove entdeckt zu werden. |